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Dreck in der Oberleitung

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Veröffentlicht von Jürgen Lessat in Mobilität · 17 April 2020
Tags: DBDatteln4ÖkostromBahnBundesregierungKohleausstieg
Das Bild sorgte vor Weihnachten für Schlagzeilen: „In überfüllten Zügen durch Deutschland“, twitterte Greta Thunberg auf dem Heimweg vom Weltklimaklimagipfel in Madrid, ein Foto zeigte sie im Gang eines ICE sitzend. Wenn schon unbequem, dann wenigstens klimaschonend, hätte die Deutsche Bahn die schwedische Klimaaktivistin trösten können. Denn seit Anfang 2018 fahren die Fernzüge der Bahn zu 100 Prozent mit Ökostrom, wie der Staatskonzern gern betont.  Die Hamburger S-Bahn pendelt ebenfalls mit Grünstrom, und seit Jahresbeginn rollen auch die Regionalzüge in Baden-Württemberg erneuerbar.

Noch ist der Verkehr mit einem Anteil von 18,2 Prozent der drittgrößte Treibhausgasverursacher in Deutschland. Die Bahn will das ändern: „Wir treiben die Energiewende für die Züge der Deutschen Bahn voran und leisten damit einen signifikanten Beitrag zum Erreichen der Klimaziele im Verkehrssektor“, versichert sie. Im vergangenen Jahr bezog die Konzerntochter DB Energie bereits 60 Prozent des Bahnstroms aus erneuerbaren Energien, im Vorjahr waren es noch 57 Prozent. 2030 soll der Ökostromanteil im Bahnstrommix auf 80 Prozent ansteigen, bis 2038 dann 100 Prozent betragen. Ganze drei Jahrzehnte, bis 2050, soll es allerdings noch dauern, bis der gesamte Konzern klimaneutral ist.

Doch ausgerechnet der Eigentümer droht dem Unternehmen einen Strich durch die Klimarechnung zu machen – weil der Kohleausstieg mit einem Kohleeinstieg beginnen soll: Die Bundesregierung will das Kraftwerk Datteln 4 im Sommer ans Netz lassen, was Unmengen an fossilem Strom in die Fahrdrähte drückt. Von den 1100 Megawatt Leistung des neuen Steinkohlemeilers am Dortmund-Ems-Kanal muss DB Energie 413 Megawatt abnehmen, was rund einem Viertel des gesamten Bahnstroms in Deutschland entspricht. Dass viele Züge dann nicht grün, sondern schmutziggrau unterwegs sind, liegt auf der Hand.

Altlast aus Mehdorn-Ära

Das Debakel ist eine Altlast aus der Ära, als sich die Bahn noch aus wenigen fossilen Großkraftwerken versorgte. Unter dem damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte sich der Konzern im Jahr 2007 Dattelner Strom langfristig gesichert. Bauherr Eon dimensionierte den Kraftwerksblock, der drei ältere Meiler ersetzen sollte, extra so groß, um ausreichend Bahnstrom zu erzeugen. Klagen und Pannen verzögerten die Inbetriebnahme allerdings bis heute.

In welche Bredouille Datteln 4 die Bahn bringt, hat Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla erkannt. 2018 verhandelte er als Co-Leiter der Kohlekommission auch in eigener Sache, um den ungewollten Strom nicht abnehmen zu müssen. Zunächst mit Erfolg: Der mühsam errungene Kohlekompromiss empfahl, das fast fertiggestellte Kraftwerk nicht ans Netz gehen zu lassen und den heutigen Betreiber Uniper zu entschädigen. Doch das war der Bundesregierung offenbar zu teuer, während sie woanders klotzt: So sollen nicht nur 40 Milliarden Euro Strukturhilfen in die Braunkohlereviere im Rheinland und in der Lausitz fließen. Die Versorger sollen zudem mit 4,35 Milliarden Euro (RWE 2,6 Milliarden, Leag 1,75 Milliarden) entschädigt werden, wenn Tagebaue und Kraftwerke bis 2038 schließen. „Pakt der Vernunft“ nannte dies Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet im Januar, nachdem sich Bund und Kohleländer auf den Ausstiegsfahrplan geeinigt hatten. Zugleich bekräftigte der Kandidat auf den CDU-Vorsitz, auf Datteln 4 nicht verzichten zu wollen. Unverhohlen mahnte Uniper daraufhin den Großabnehmer: Man gehe „fest davon aus, dass die Bahn ihren Vertrag einhalten wird“.

„Zu Datteln 4 ist alles gesagt“, gibt sich ein Bahnsprecher auf Nachfrage schmallippig. Die Ökostromziele verfolge man weiter, betont er nur. Erst im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen mit der Konzernstrategie „Starke Schiene“ die Klimaschutzziele erhöht. „Auslaufende Kraftwerksverträge, die auf konventionellen Energieträgern basieren, werden durch `grüne Verträge´ ersetzt, Photovoltaik und Windenergie eine größere Rolle spielen“, hieß es.

Offshore-Windkraft und Solarenergie neu im Bahnstrom-Mix

Zu diesem Zweck startete DB Energie im Herbst erstmals eine EU-weite Markterkundung zur Direkteinspeisung von erneuerbarer Energie. Innerhalb von acht Jahren sollen insgesamt 500 Gigawattstunden in Bieterverfahren abgefragt werden. Bezogen auf den jährlichen Strombedarf der Deutschen Bahn von etwa zehn Terawattstunden sind das fünf Prozent.

Anfang September hatte die Bahn bereits mit Innogy und RWE die Lieferung von grünem Strom aus dem Offshore-Windpark Nordsee Ost vereinbart. Der Vertrag, der als erstes deutsches Offshore-PPA (Power Purchase Agreement) gilt, läuft über fünf Jahre, beginnend ab 2024. Er umfasst 25  der insgesamt im Windpark installierten 295 Megawatt.

Im Januar verkündete die Bahn zudem, erstmals Ökostrom aus Photovoltaik direkt ins Bahnstromnetz einspeisen zu wollen. Dazu soll ein Solarpark im schleswig-holsteinischen Wasbek entstehen, der rund 70 Fußballfelder misst. Die Module mit 42 Megawatt Leistung sollen jährlich etwa 38 Gigawattstunden Strom erzeugen, der über das Umrichterwerk Neumünster eingespeist wird. „Wir gehen damit ganz neue Wege bei der Umsetzung unserer Strategie für den Klimaschutz“, so Infrastrukturvorstand Pofalla.  Aktuell sind es vor allem Wasserkraftwerke an großen Flüssen, die Ökostrom für die Bahn produzieren. Seit einigen Jahren liefert Innogy auf diesem Weg jährlich rund 900 Gigawattstunden. Die Bahn selbst besitzt nur zwei Wasserkraftwerke, deren Grünstrom weniger als ein Prozent des Bedarfs deckt.

Ökostrom vor allem auf dem Papier

Gern rühmt sich die Bahn, schon heute größter Ökostromverbraucher der Republik zu sein. Den meisten Ökostrom bezieht der Konzern jedoch nur bilanziell, in Form von Herkunftsnachweisen, die beim Umweltbundesamt registriert sind. Zudem sei der Strombezug aus alten Wasserkraftwerken „eine reine Umverteilung, die rechtlich zulässig ist, den Zubau erneuerbarer Energien aber nicht fördert“, kritisiert Dominik Seebach vom Freiburger Öko-Institut.

Der Ökostrom-Verschiebebahnhof lässt sich an der Stromkennzeichnung ablesen, zu der das Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet. Demnach umfasste der Mix von DB Energie im Jahr 2018 nur 12,8 Prozent Ökostrom aus Anlagen, die nach dem EEG gefördert werden. Mit 40,8 Prozent den größten Anteil hatten „sonstige erneuerbare Energien“. Durch Kohle (24,1 Prozent) und Gas (8,7 Prozent) als weitere Energieträger betrug der CO2-Ausstoß noch 280 Gramm je Kilowattstunde, zwei Drittel des Durchschnitts in Deutschland(421 g/kWh).

Klimaneutral fährt die Bahn bis heute also nur in der Werbung, auch weil die Züge stets den Strom von der nächsten Erzeugungsanlage verbrauchen. Im Rhein-Neckar-Raum etwa kommt dieser vom Steinkohlekraftwerk Mannheim. Sollte Datteln 4 ans Netz gehen, hat die Bahn auch an Rhein und Ruhr nur Kohlestrom in der Oberleitung.



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