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Energiewende "Made in Absurdistan"

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Veröffentlicht von in Energie · 29 Januar 2020
Tags: EnergiewendeKlimaschutzÖkostromSolarenergiePVBalkonkraftwerkEnBWStuttgartKuhnOB
Wie weit Rhetorik und Realität auseinander klaffen, zeigt sich exemplarisch beim jüngsten Weltwirtschaftsgipfel. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt in Davos effizienten Klimaschutz eine Überlebensfrage für die Menschheit. Während kurz zuvor noch mit ihrem Segen der Kohlekompromiss aufgeweicht wird, um den umstrittenen Steinkohlemeiler Datteln 4 ans Netz gehen zu lassen (der stündlich 360 Tonnen des Klimakillers verfeuern wird). Oder als Siemens-Chef Joe Kaeser im noblen Skiresort über die Moral der Klimaaktivisten philosophiert, sein Konzern sich aber „aus Vertragstreue“ am Bau einer riesigen Kohlemine in Australien beteiligt.

Nach Davos scheint ein Aufstand der Anständigen notwendiger denn je. Ganz nach dem Vorbild früher Energie-Guerilleros. Die trugen keine Waffen, sondern Solarmodule auf ihre Balkone, um unabhängig von Kohlekonzernen Ökostrom zu erzeugen. Kurz nach der Jahrtausendwende wurden hierzulande die ersten „Guerilla-Kraftwerke“ installiert, mit denen sich verblüffend einfach Energiewende machen lässt: kaufen, aufstellen, in Steckdose stöpseln - und schon laufen Standby-Geräte, Kühlschrank und Computer mit Grünstrom. Zugegeben: nur tagsüber, wenn die Sonne vom Himmel lacht.

Die Kleinkraftwerke arbeiteten lange in einer rechtlichen Grauzone. Energieversorger und Netzbetreiber brandmarkten die neue Konkurrenz als gefährlich und illegal. Die Panikmache verwundert nicht: Bis zum Siegeszug der Erneuerbaren verdienten RWE, EON & Co. prächtig an Kohle- und Atomstrom. Seitdem ärgert die einstigen Monopolisten selbst Kleinvieh, das auf Balkonen Mist macht. Solarverbände bestehen dagegen darauf, dass die Nutzung der Sonne ein „unveräußerliches demokratisches Menschenrecht“ sei, das sich aus den Grundrechten im Grundgesetz ableite. Solange ein Balkonkraftwerk (BKW) und sein Besitzer gewisse technische Regeln einhalte, sei dessen Betrieb legal. Welche dies sind, darüber stritten beide Seiten.

Vor einem Jahr dann der Durchbruch: Im April 2019 reformierte der Verband der Deutschen Elektrotechnik (VDE) die Norm VDE-AR-N 4105. Sie erlaubt seither allen Verbrauchern, „Plug-&Play“- oder „steckerfertige PV-Anlagen“, wie die Kraftwerke auch heißen, zur privaten Stromerzeugung rechtssicher selbst in Betrieb zu setzen sowie beim Netzbetreiber anzumelden. Für Anlagen bis zu 600 Watt Gesamtleistung braucht es keinen Elektroinstallateur mehr. „Das bringt die dezentrale und klimafreundlicher Energieproduktion voran“, jubelte die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS).

„Das Potential ist riesig, die Anwendung denkbar einfach. Ein bis zwei Photovoltaik-Module können mit einem Wechselrichter direkt an das häusliche Stromnetz angeschlossen werden. Damit kann theoretisch jeder Haushalt zehn bis fünfzehn Prozent seines Stroms selbst produzieren“, erklärt DGS-Vize Jörg Sutter. Viele Wohnungseigentümer und Mieter ohne eigene Dachfläche könnten jetzt Energiewender werden. Neben Balkonen eignen sich auch sonnige Garagendächer, Hauswände oder Gärten als Standorte.

Während PV-Dachanlagen schnell über zehntausend Euro kosten, ist Energiewende auf Balkonien günstig machbar. Dank des Preisverfalls der Solarmodule gibt es ein Mini-Kraftwerk schon für 250 Euro. Bei Südlage mit hoher Sonneneinstrahlung kostet so eine Kilowattstunde nur vier Cent. Energiekonzerne verlangen im Schnitt knapp 31 Cent. Die Investition lohnt sich umso mehr, je mehr vom Balkonstrom selbst verbraucht wird. Während sich die Vergütung von Überschüssen, die ins öffentliche Stromnetz fließen, nicht lohnt. Dafür hat die schwarz-rote GroKo gesorgt.

Während es deutschlandweit bereits über 3,9 Millionen Solaranlagen auf Dächern oder im Freiland gibt, hängen dennoch bislang kaum PV-Module an Balkonbrüstungen. Nach Schätzungen sind es nur 40.000 bis 100.000 Anlagen – was bei 42,2 Millionen Wohnungen eine mickrige Marktdurchdringung darstellt. „Die vereinfachte Inbetriebnahme stieß nicht gerade auf Begeisterung unter den Netzbetreibern. Einige Unternehmen verweigern sie bis heute“, erläutert Christian Ofenheusle vom Internet-Portal „MachDeinenStrom.de“.

Wie Versorger die Balkon-Energiewende torpedieren, zeigt sich beispielhaft am Netzbetreiber in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, der Stuttgart Netze GmbH. „Erneuerbare Energien sollen bei der Energieversorgung der Zukunft eine Leitfunktion übernehmen. Deshalb sind wir bestrebt, Erzeugungsanlagen zur Einspeisung erneuerbarer Energien so rasch wie möglich ans Netz anzuschließen“, heißt es auf der Homepage. Man unterstütze die Energiewende in der Stadt und sei deshalb auch „Plug In“-Anlagen gegenüber aufgeschlossen, verspricht das Unternehmen.

Doch das entpuppt sich spätestens beim Klick auf „Plug In-Anlage anmelden“ als Lippenbekenntnis: Der Link führt zu einem komplizierten Anmeldeprocedere, das Laien schnell verzweifeln lässt. So verlangt der Netzbetreiber etwa „das entsprechende Auswahlblatt Ihres Messkonzepts sowie das Datenblatt für Erzeugungsanlagen“. Zusätzlich sollen maßstabsgerechter Lageplan und Übersichtsplan der gesamten elektrischen Anlage“ eingereicht werden. Zum Meldemarathon gehört auch das „Einheitenzertifikat und Zertifikat für den Netz- und Anlagenschutz (NA-Schutz) nach VDE AR-N 4105“. Am Ende sind mehr als ein Dutzend Formulare, Nachweise und Pläne zu übermitteln. Zudem muss ein Elektriker die Inbetriebnahme bestätigen. Vereinfachte Anmeldung geht anders.

POlitoGO hat die Probe aufs Exempel gemacht - und sich an den telefonischen Kundenservice von Stuttgart Netze gewandt. „Ich will nur ein Balkon- und kein Kohle- oder Atomkraftwerk bauen“, so der sachdienliche Hinweis an den Mitarbeiter. Doch er hilft nicht. „Sie müssen wie in der Checkliste beschrieben vorgehen“, endet das Gespräch ohne Zugeständnisse.

Das dicke Ende kommt danach: Beim Betrieb von PV-Anlagen ist ein Zweirichtungszähler Pflicht, der Verbrauch und Einspeisung getrennt erfasst. Weil die alten schwarzen Ferrari-Stromzähler bei Sonnenschein rückwärts laufen. Den Tausch berechnen Stuttgart Netze mit 90 Euro Gebühr – obwohl die Netzbetreiber gesetzlich verpflichtet sind, neue digitale Messeinrichtungen in allen Haushalten kostenlos zu installieren. Die Frist dazu endet aber erst im Jahr 2032. Wer nicht warten kann, muss zahlen.

Andere Netzbetreiber sind kulanter, weiß DGS-Vize Sutter: „Viele Unternehmen verlangen nur noch ein einfaches Formblatt, das kaum mehr als Name und Anschrift des Anlagenbetreibers enthält“, beschreibt er das normgerechte Anmeldeverfahren, wie es beispielhaft der Netzbetreiber Bayernwerk praktiziert. Einzelne Versorger, etwa die Bonner Stadtwerke, tauschten auch die Stromzähler von Balkonkraftwerkern kostenlos.

Die Sturheit des schwäbischen Netzbetreibers verwundert. Schließlich sind die Grünen, deren Kernkompetenz Energiewende und Klimaschutz ist, seit Jahren stärkste politische Kraft in Stadt und Land. Auch die Geschichte der Energieversorgung in der Landeshauptstadt lässt anderes erwarten. Die Stuttgart Netze sind eine Tochter der Stadtwerke Stuttgart, die im Mai 2011 gegründet wurden. Mit ihnen wollte die Kommune unabhängig vom Versorger-Monopolisten EnBW werden, der damals als fossiler Dinosaurier galt. Ihr Auftrag: die Energiewende kommunal und bürgernah voranzutreiben. Um Kunden wirbt das Unternehmen seither damit, dass man „konsequent auf Erneuerbare Energien setzt, vollständig auf Kern- und Kohlekraft für die Stromerzeugung verzichtet und klimaschädliche CO2-Emissionen vermeidet“.

Während Stuttgarts Stadtwerke zu 100 Prozent im kommunalen Besitz sind, hält die EnBW, die heute dem Land und einigen Landkreisen gehört, an der Netzbetreiber-Tochter noch knapp 25 Prozent. Die restriktive Gangart gegenüber Balkonanlagen ist offenbar ein Erbe der EnBW-Beteiligung. Denn die EnBW-Firma „Netze BW“, mit 2,3 Millionen Netzkunden und einem rund 96 000 Kilometer langen Leitungsnetz größter Netzbetreiber in Baden-Württemberg, bremst bei BKWs genauso. Die Formulare beider Unternehmen unterscheiden sich nur farblich. Die Gebühren sind gleich.

Das hat Folgen: Registrierte Balkonanlagen haben im Südwesten Seltenheitswert. „Es dürften um die 100 Anlagen sein“, sagt EnBW-Sprecher Hans-Jörg Groscurth. Er kann nur schätzen, weil die Kleinkraftwerke im konzerneigenen IT-System nicht getrennt von den rund 166 000 „großen“ PV-Anlagen hinterlegt sind. Mau sieht es auch in Stuttgart aus. „Bis heute sind drei Balkonkraftwerke angemeldet“, zieht Netze Stuttgart-Sprecher Moritz Oehl Bilanz für die Großstadt mit 380 000 Haushalten.

In den Aufsichtsräten beider Unternehmen sitzen Minister, Landräte, Bürgermeister und Kommunalpolitiker aller Parteien. Das Aufsehergremium der Stadtwerke Stuttgart führt der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Auf dessen Vorschlag beschloss der Gemeinderat der Landeshauptstadt jüngst einen üppig ausgestatten Klimaschutzfonds. Ein Teil des 200 Millionen Euro schweren Fondsvermögens soll die schleppende Solarstromerzeugung im Talkessel ankurbeln. Wer sonst als OB Kuhn könnte die Blockade-Haltung der Stuttgart Netze bei BKWs aufbrechen? „Dieses Thema betrifft einen klassischen Aufgabenbereich der Geschäftsleitung von Stuttgart Netze, die Einordnung sollte deshalb auch von dieser vorgenommen werden“, lässt Kuhn auf Anfrage mitteilen.

Hinter den Kulissen haben die Recherchen offenbar Bewegung in die Sache gebracht. Trotz technischer Vorbehalte bereite man gerade ein vereinfachtes Anmeldeverfahren vor, teilt EnBW-Sprecher Groscurth mit: „Wir rechnen damit, dass wir damit in den nächsten Wochen online gehen können“. Für Stuttgart Netze versichert Moritz Oehl, dass man die gleiche Absicht habe.

Die Technik entwickle sich rasant, auch bei Kraftwerk-Speicher-Kombinationen, bekräftigt derweil Christian Ofenheusle von „MachDeinenStrom.de“: „Unser Ziel sind eine Million Balkonkraftwerke bis Ende 2024.“ Alle würden dadurch gewinnen. „Die Bürger sparen jährlich 100 Millionen Euro an Stromkosten“, rechnet er vor. Dem Klima blieben jährlich 475.000 Tonnen CO2-Emissionen erspart. Verlierer wären fossile Energieversorger: Jede Kilowattstunde Strom vom Balkon verdrängt Kohlestrom in gleicher Menge. Der Steinkohlemeiler Datteln 4 müsste so erst gar nicht ans Netz gehen.



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